Euro-Maidan 2013/14

Antje LevchenkoEuro-Maidan 2013/14

(von Antje Levchenko)

 Seit dem Jahr 2003 reise ich regelmäßig in die Ukraine. So oft ich dort bin, nutze ich die Gelegenheit, meine ukrainische Freundin Viktoria zu treffen.

Am 25.12.2013 verabredete ich mich mit Viktoria zu einem Besuch des Unabhängigkeitsplatzes, auf ukrainisch „Majdan (Platz) Nesaleschnosti (der Unabhängigkeit)“. Aus allen Teilen der Ukraine waren die Menschen seit Anfang Dezember 2013 nach Kiew gereist, um auf dem Majdan (vom Volksmund benutzte Kurzform für den Unabhängigkeitsplatz) ihre Zelte aufzuschlagen.

Die Demonstranten forderten von der Regierung die versprochene Annäherung an die Europäische Union. In der Onlineausgabe der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ hieß es von den Protestierenden:„Für sie ist Europa die Zukunft. Für sie heißt die Alternative, sich dem russischen Imperium von Wladimir Putin zu unterwerfen und damit zurückzukehren in eine dunkle Vergangenheit, als die Ukraine Teil des sowjetischen Reiches der Finsternis war.“

Damit es nicht soweit kommt, hat die ukrainische Bürgerbewegung „Majdan“, welche aus den seit Anfang Dezember 2013 stattfindenden Massenprotesten hervorgegangen ist, für einen Machtwechsel und für einen politischen Wertewandel gekämpft.

(Quelle: forum.ukraine-nachrichten.de/vitali-klitschko-neue-gesamtukrainische-Bürgerbewegung).

Die Bürgerbewegung Majdan hat sich als parteipolitisch unabhängige Organisation erklärt, wobei sie ihre Ziele mit den oppositionellen Parteien abgestimmt und mit deren Hilfe verfolgt hat. Nicht alle Ziele der Bürgerbewegung ließen sich mit denen der Opposition vereinen und nicht alle Aktionen der Opposition wurden von der Bürgerinitiative gebilligt.

Die wichtigsten Ziele der Bürgerbewegung lauteten:

  • Pressefreiheit
  • Kampf gegen Korruption und damit gegen Verschwendung von Staatsgeldern
  • praktische Umsetzung der Gewaltentrennung
  • gegen die Willkür der Polizei, der Staatsanwaltschaft und der Gerichte
  • Meinungsfreiheit
  • für die politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit von Russland
  • Einhaltung der Menschenrechte.

Der besetzte Unabhängigkeitsplatz wurde durch Barrikaden in alle vier Himmelsrichtungen abgesichert. Es gab jedoch genügend Eingänge, durch welche die Demonstranten den Platz erreichen konnten.

Für den Bau der Barrikaden wurden verschiedenste Materialien verwendet:

Absperrschilder der Polizei, welche von den Demonstranten in Besitz genommen wurden – Weihnachtsmarktstände – Eis- und Imbissbuden – Bäume – nicht montierte Teile des Weihnachtsbaumgerüstes – Reifen – Stacheldraht – Stahlrohre – selbst gebaute, von Aktivisten zusammengeschweißte Panzerriegel – Metallfässer  – Metallschrott – Bauzäune – Metallseile – Säcke, die mit Sand oder Schnee befüllt wurden – Parkbänke – Bretter – Sperrmüll.

Die Barrikaden wurden von der Gruppierung „Freiwillige Selbstverteidigung“ geschützt, die zum damaligen Zeitpunkt circa 2500 Mitglieder zählte. Die zumeist jungen Männer wurden von ehemaligen Offizieren und Veteranen des Afghanistankrieges geschult. Aber nicht nur die Verteidigung des besetzten Platzes, auch die Gewährleistung der inneren Sicherheit gehörten zu den Aufgaben des Verteidigungstrupps. Die Freiwillige Selbstverteidigung achtete darauf, dass sich die Demonstranten an die Regeln hielten, keinen Alkohol konsumierten und keine gewalttätigen Auseinandersetzungen provozierten.

An den Eingängen, kurz hinter den Barrikaden, waren speziell für das besetzte Gelände und die unmittelbare Umgebung Infrastruktur-Pläne angebracht. Auf dieser Übersicht waren unter anderem die folgenden Punkte eingezeichnet:

medizinische Versorgungsstellen – juristische und psychologische Beratungsstellen – Kirchenzelte für Gottesdienste – Internet – Telefon – Feldküchen – Aufwärmplätze – Toiletten – Weihnachtsbaumgerüst aus Metall: Dieses war über und über mit Plakaten der Bürgerbewegung bedeckt, auf welchen die Forderungen in Text- und Bildform zu sehen waren – Bühne für Veranstaltungen und Kundgebungen – Stabsstelle der Bürgerbewegung.

Auf einer großen Bühne, die sich an einer zentralen Stelle des Unabhängigkeitsplatzes befindet, traten an jenem Tag unter anderem der Oppositionspolitiker Vitali Klitschko auf. Er bedankte sich bei den Demonstranten für ihre Geduld und für ihre Unterstützung. Vitali Klitschko bat die Menschen darum, friedlich zu protestieren.

Die Entwicklung des politischen Machtkampfes und der damit einhergehenden Proteste sei unglaublich dynamisch gewesen, berichtete mir Viktoria. Sie könne den Berichten in den ukrainischen Medien und den sozialen Netzwerken kaum noch folgen. Die Bürgerbewegung Majdan und auch die Vertreter der Opposition stünden angesichts der Handlungen der aktuellen Regierung vor einer riesigen, fast unmenschlichen Herausforderung.

Viktoria und ich kennen uns seit 11 Jahren. Obwohl wir in zwei unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichen wirtschaftlichen und politischen Voraussetzungen leben, haben wir ähnliche Wünsche, Hoffnungen und Interessen. Wir lesen teilweise dieselben Bücher. Viktoria liest die deutschen Autoren in ukrainischer oder russischer Übersetzung. Ich lese die ukrainischen Autoren in deutscher Übersetzung. Wir tauschen uns über ukrainische und deutsche Filme und Musik aus. Wir wünschen uns beide ein Leben in Freiheit und Frieden. Wir freuen uns darüber, dass wir eine gute Arbeit haben und wünschen uns dies auch für die Zukunft. Wir wünschen uns eine gute Bildung für unsere Kinder. Wir wünschen uns, dass uns bei Krankheit und Armut geholfen wird, dass wir in einer Gesellschaft leben, deren Mitglieder füreinander da sind.

Seit diesem Besuch in Kiew ist viel geschehen. Der Majdan ist heute Geschichte. Ich sehe immer noch die Menschen vor mir, die auf dem Majdan in fast andächtiger Stille stehen und für eine bessere Gesellschaft demonstrieren. Ich sehe sie tanzen, singen und für den Frieden beten.

Auch die Bürger in Braunschweig demonstrieren für Frieden und gegen den Krieg. Sie verurteilen Kriegshetze, sie singen für ein friedliches Miteinander. Es ist für viele von ihnen sicherlich nicht vorstellbar, dass sie für das Tragen ihrer Landesfahne, für das Sprechen ihrer eigenen Sprache verfolgt, gefoltert und getötet werden. Auch für die Menschen in der Ukraine war dies unvorstellbar. Nun sehen die Menschen ihre Mitbürger in den Krieg ziehen oder müssen selbst an der Front kämpfen.

Ihr Heimatland, so wird Ihnen gesagt, existiere nicht. Das Land, in dem sie leben, in dem sie aufgewachsen sind, in dem ihre Kinder geboren sind, sei eine künstliche Konstruktion. Über ihr Land, in dem für lange Zeit Frieden geherrscht hat, heißt es, dass es nicht überlebensfähig sei, dass es ein so genannter failedstate sei.

Deshalb ist es notwendig, die Geschichte dieses Landes zu erzählen. Die Geschichte, welche sich mit der Entstehung der Bürgerbewegung „Majdan“ in eine neue Richtung bewegt hat. Eine Geschichte, die einen entsetzlichen Verlauf genommen hat.

 

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