Katharina Raabe – Lektorin im Suhrkamp-Verlag

Direktor der Herzog-August- Bibliothek Dr. Thomas Stäcker

 

 

 

 

 

 

 

Hier können Sie den Vortrag von Frau Katharina Raabe hören:

Teil 1:

Teil 2:

 „Schlimm ist es zu sehen, wie Geschichte entsteht.“ (1)

– Literarische Stimmen aus der neuen Ukraine“

von Antje Levchenko

Am 23. Februar 2016, 19:30 Uhr luden die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, der Verein FreiE Ukraine Braunschweig e. V. und Bücher Behr – Die Buchhandlung am Kornmarkt alle Literaturinteressierten zum Vortrag von Katharina Raabe zur ukrainischen Gegenwartsliteratur ein.

Katharina Raabe, Trägerin des Deutschen Sprachpreises 2015, ist seit dem Jahr 2000 im Suhrkamp Verlag als Lektorin für die osteuropäischen Literaturen verantwortlich. Zudem ist sie u.a. Herausgeberin der Sammelbände „Das wilde Leben“ und „Testfall Ukraine“. (2)

Zahlreiche Schriftsteller aus insgesamt 17 Ländern hat Katharina Raabe für das deutsche Publikum entdeckt und die Übersetzung ihrer Werke in die deutsche Sprache angeregt. Für dieses Engagement hat Katharina Raabe den deutschen Sprachpreis 2015 erhalten. Im Rahmen der Preisverleihung fasst sie in einem Interview mit der FAZ zusammen, was sie an den Texten der osteuropäischen Schriftsteller fasziniert: „Geschichtslast und Geschichtenfülle. Formbewusstsein, Ironie, poetische Intensität als Antwort auf die Unsicherheit des Lebens. In Russland und in den Ländern, die zwischen der Sowjetunion und dem Westen eingekeilt waren, arbeiten sich die Autoren an vielem zugleich ab: an der rasanten Transformation, an den Traumata der Diktatur.“ (3)

Ukrainische Gegenwartsliteratur
Katharina Raabe stellt im Verlauf des Vortrages die ihrer Ansicht nach wichtigsten Schriftsteller der ukrainischen Gegenwartsliteratur vor: Serhij Zhadan, Juri Andruchowytsch, Kateryna Mishchenko, Yevgenia Belorusets, Tanja Maljartschuk und Jurko Prochasko. Katharina Raabes Anliegen ist es, den Zuhörern eine Vorstellung davon zu geben, welche teils traumatischen Erfahrungen die Werke dieser Autoren prägen, welcher erzählerischen Stilmittel und literarischen Formen sie sich bedienen, um die drastischen gesellschaftlichen, politischen und sozialen Umbrüche im Land, die existenzielle Bedrohung durch den Krieg literarisch zu verarbeiten.
Einer der ukrainischen Schriftsteller, die Katharina Raabe vorstellt, ist Serhij Zhadan.
Dieser Autor ist für Katharina Raabe der zurzeit unumstritten wichtigste Schriftsteller der Ukraine. Nie wird sie, so erzählt Katharina Raabe, den Samstagnachmittag vor knapp zwei Jahren (01.03.2014) vergessen. Eine ukrainische Bekannte schrieb ihr eine kurze E-Mail: Der Auto Serhij Zhadan sei bei dem Sturm der Charkiwer Gebietsverwaltung im Osten der Ukraine durch prorussische Kräfte verletzt worden und befinde sich im Krankenhaus. Der Schweregrad der Verletzung sei nicht bekannt, aber er lebe und sei ansprechbar.
Katharina Raabe erzählt, wie bestürzt sie über die Nachricht gewesen sei. Die literarische Stimme Serhij Zhadans, so betont sie, ist für viele Menschen in der Ukraine von großer Bedeutung.
Der Suhrkamp Verlag stellt den Schriftsteller auf seiner Webseite folgendermaßen vor: „Nur in einer Umgebung, wo anachronistische Industrieanlagen wie Dinosaurier in der Landschaft liegen und als letzte Zeugen des grandiosen Sowjetexperiments vor sich hinrotten, konnte jene postproletarische Melancholie und Punkpoesie entstehen, die Sergiy Zhadan den Ruf des populärsten Lyrikers der Ukraine eingebracht hat.“ (4) Es wird der Schriftsteller-Kollege Juri Andruchowytsch zitiert: „Vor zehn Jahren nannte man ihn den ukrainischen Rimbaud, jetzt ist er vor allem Zhadan. Seine Poesie ist so, wie ich mir echte Poesie zu Anfang des Jahrhunderts vorstelle: sicher im Ton, makellos in den Details, durchdringend-visuell, anarchisch und kompromißlos sozial, zugleich absolut poetisch, einzigartig und unerwartet in der Plastizität der Assoziationen. Es ist wirklich genau das alternative Kino und auch die alternative Musik und das alternative Theater, das uns fehlt. Und überhaupt ist es eine Alternative zu allem, was traditionell als ukrainisch gilt.“ (5)
Serhij Zhadan wurde 1974 im Gebiet Lugansk in der Ostukraine geboren. Er wuchs russischsprachig auf. Als Jugendlicher begann er auf Ukrainisch zu schreiben, um sich von seiner Umgebung abzugrenzen; Ukrainisch war für ihn die Sprache der Rebellion. Serhij Zhadans Kindheit fiel in die Stagnationszeit der Breschnew-Ära. Seine Pubertät fiel in die Perestroika. Er war 17 Jahre alt, als die Ukraine unabhängig wurde. Im ersten Jahr der Unabhängigkeit (1991 / 1992) begann Serhij Zhadan Germanistik und Ukrainistik zu studieren und veröffentliche seinen ersten Gedichtband. Mit dem Roman „Die Erfindung des Jazz im Donbass“ (2012), welcher, wie auch die anderen Werke, in der Ostukraine spielt, gelingt Serhij Zhadan der internationale Durchbruch. Die BBC kürte den Roman zum „Buch des Jahrzehnts“. Die französische Jan-Michalski-Stiftung verlieh Serhij Zhadan den gleichnamigen hochdotierten Preis „Jan-Michalski-Literaturpreis“. Die Frankfurter BHF-Bank zeichnete ihn mit dem „Brücke-Berlin-Preis“ aus. (6)
Serhij Zhadan erschafft in seinen Werken phantasmagorische Landschaften, wechselt zwischen den Zeitebenen und öffnet damit neue geografische, historische und soziale Räume. Serhij Zhadan arbeitet in seinen Texten mehr mit Fragen als mit Antworten: Wer sind wir? Bürger eines unabhängigen Staates, die sich ihrer korrupten Elten entledigen wollen? Wie wollen wir leben, wir wollen wir zusammen leben? Serhij Zhadan beschreibt seine gesellschaftliche Vision in seinem neuen Roman Mesopotamien. (7) Mesopotamien, das ist für Serhij Zhadan eine ukrainische, russische, tatarische multikulturelle Metropole. Die unvermeidliche babylonische Sprachverwirrung steht für Serhij Zhadan auch für das politische und persönliche Scheitern aller Versuche einander zuzuhören und zu verstehen.
Katharina Raabe schätzt an Sergij Zhadan, dass er einen unbeirrten Dialog mit allen gesellschaftlichen Akteuren führt, unabhängig von deren politischen Gesinnung.
Katharina Raabe zitiert Serhij Zhadan mit den folgenden Worten: „Wenn die Kultur verschwinden würde, wenn die Dichter, die Musiker, die Regisseure verstummen würden, dann hätte der Krieg gewonnen. Solange ihre Stimmen noch da sind, besteht die Chance, dass wir aus dieser Situation ohne allzu große seelische Verluste herauskommen.“

(1) Serhij Zhadan, Gedichte aus dem Krieg, Textzeile aus dem Gedicht „Das Nashorn“)
(2) http://www.suhrkamp.de/autoren/katharina_raabe_5571.html
(3) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/katharina-raabe-ueber-die-schriftsteller-osteuropas-13670215.html
(4 / 5) http://www.suhrkamp.de/buecher/geschichte_der_kultur_zu_anfang_des_jahrhunderts-serhij_zhadan_12455.html
(6) http://www.suhrkamp.de/buecher/die_erfindung_des_jazz_im_donbass-serhij_zhadan_42335.html
(7) http://www.suhrkamp.de/buecher/mesopotamien-serhij_zhadan_42504.html