übernommen aus Facebook-Post  von Ralf Fücks (Vorstandsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung) – 18. Februar 2016

Charkiv: Sowjetische Vergangenheit, europäische Zukunft
Wer Gelegenheit dazu hat, sollte einmal nach Charkiv reisen – eine höchst lebendige Stadt an der Schnittstelle zwischen der russischen Welt und Europa. Architektonisch, ökonomisch, kulturell und politisch lagern sich viele Schichten übereinander, die bis heute den Charakter der Stadt prägen. Russisch ist selbstverständliche Alltagssprache. Der Bürgermeister, ein Machtmensch alter Schule mit vielfältigen Geschäftsverbindungen (um es höflich zu formulieren), hat den Ruf eines effizienten Machers.

Das verschafft ihm eine gewisse Popularität. Bisher hat er erfolgreich verstanden, jeden Ansatz einer politischen Alternative auszumanövrieren. Dass er die regionalen Medien (insbesondere das Fernsehen) kontrolliert, gehört zum System. Er wird vor allem von Menschen gewählt, die wenig Wert auf Transparenz und Bürgerbeteiligung, aber umso mehr auf staatliche Fürsorge legen. Autoritätshörigkeit und die Erwartung, dass der Staat es richten soll, sind in der Ostukraine stärker verbreitet als in Kiew oder im Westen. Auch ist der Anteil der Menschen höher, die sich kulturell eher an Russland als an Europa orientieren. Das heißt noch lange nicht, dass sie von einem Anschluss an Russland träumen. Sie wünschen sich aber offene Grenzen und gute Beziehungen. Die tatsächliche Entwicklung geht jedoch in die entgegengesetzte Richtung: der Graben zu Russland wird immer tiefer, der wirtschaftliche Austausch tendiert gegen Null, die politischen Fronten sind verhärtet. Da die verbliebenen Großbetriebe in der Regel auf den europäischen Märkten nicht konkurrenzfähig sind, orientieren sie sich jetzt nach Asien und andere Entwicklungsländer. Dagegen schauen die kleineren, beweglicheren und moderneren Unternehmen vorrangig nach Europa. Sie repräsentieren das neue Charkiv, ebenso wie große Teile der akademischen Intelligenz und der lebendigen Kulturszene der Stadt.
Folgt man dem politischen Experten der OSCE-Mission, besteht die entscheidende Kluft nicht zwischen westlich und östlich geprägten Milieus, sondern zwischen Bevölkerung und Machtelite, die Politik, Verwaltung und Wirtschaft kontrolliert. Im Gegensatz zu den alten Zeiten kann diese Oligarchie jedoch nicht mehr ungestört schalten und walten. Das heutige Charkiv zeichnet sich durch eine vielfältige, wache Zivilgesellschaft aus. In den letzten beiden Jahren sind rund 200 neue NGO’s entstanden. Es gibt eine Vielzahl von Freiwilligenorganisationen, humanitären Initiativen, Kulturprojekten, die internationale Kontakte knüpfen. Die deutsche Honorarkonsulin, eine Anwältin, nannte das eine „Graswurzelrevolution“. Die offene Frage ist, wann und wie diese zivilgesellschaftliche Bewegung auch auf die offizielle Politik ausgreifen wird.
Ungewöhnliche Patrioten: Serhij Zhadan & friends. Zhadan, ein schmaler, energiegeladener Mann, ist Kopf der Punkband „Hunde im Kosmos“, Schriftsteller und Maidan-Aktivist, der unaufhörlich neue Ideen und Projekte ausbrütet. Er kam gerade von einer Tour mit seiner Band an der Frontlinie im Donbas zurück: 5 Konzerte in drei Tagen, darunter zwei Auftritte für Soldaten der ukrainischen Armee direkt an der „Kontaktlinie“. Sein Publikum besteht vor allem aus jungen Leuten, auf den Fotos sind aber auch ältere Frauen zu sehen, die sich zum ersten Mal in ein Punkkonzert verirrt haben. Wenn Zhadan seinen Anti-Putin-Song anstimmt, sind die Reaktionen im Publikum durchaus gemischt. Die meisten älteren Leute im Donbas sehen russisches Fernsehen und tun sich schwer damit, die Aggression beim Namen zu nennen. Ihre soziale Lage ist miserabel, viele Betriebe sind zerschossen, Gehälter werden nicht oder verspätet gezahlt, die Renten sind gering, das Alltagsleben durch den Krieg noch mühseliger. Dazu kommen die vielen Flüchtlinge aus den Separatistenrepubliken, die sich in den angrenzenden Gebieten aufhalten. Allein im Bezirk Charkiv sind das nach Aussage der OSCE rund 230.000 Menschen, die untergebracht und halbwegs versorgt werden müssen.
Trotz dieser Härten ist die politische Lage erstaunlich stabil. „Die Gefahr, dass Charkiv zur Hauptstadt Neurusslands werden könnte, ist vorbei – außer Russland startet eine militärische Großoffensive“, sagt ein Musiker in der Runde. Die Gruppe überlegt, wie sie die Herzen und Köpfe der Menschen im Donbas erreichen kann, um sie gegen die ideologische Kriegführung der russischen Medien zu immunisieren. Konzerte, Literaturabende, Internetforen und Gespräche: „Man muss mit den Leuten reden“. Es sind erstaunliche Patrioten, denen man in der Kiew oder Charkiv begegnet – linke Umweltaktivisten, Rockmusiker, Dichter, Feministinnen, Menschenrechtler. Gemeinsam ist ihnen der Traum von einer demokratischen, freien Ukraine. Man ist ein wenig gerührt und beschämt, wenn sie von Europa sprechen. Die wahren europäischen Idealisten findet man heute in einem Land, mit dem viele Europäer nichts zu tun haben wollen.