In Vorbereitung einer ganz besonderen Veranstaltung zum Thema „Die Kunst des Übersetzens“ (weitere Infos folgen in Kürze) möchten wir das folgende Gedicht  „The Ukrainian Museum“ von Ron Padgett, dem Dichter, der die Gedichte für Jim Jarmuschs Film Paterson schrieb und zu den wichtigsten lebenden amerikanischen Autoren zählt.

In Absprache mit dem Autor Ron Padgett und dem Übersetzer Jan Volker Röhnert möchten wir Ihnen an dieser Stelle das Gedicht in Original auf Englisch und die Übersetzung ins Deutsche ans Herz legen.

Der Originalband von Ron Padgett „Alone and Not Alone“

The Ukrainian Museum

by Ron Padgett

Just walking into the new and beautifully designed Ukrainian Museum was a pleasure: varnished hardwood floors, white walls, clean lines, understated lighting, and the luxury of newness. An older Ukrainian Museum had been located in a second-floor apartment in a tenement building on Second Avenue, without even a sign outside, several rooms of dismal paintings in drab light; the one time I ventured in, there was not a single soul in the place, not even a guard. Twenty years later the museum moved a few blocks up the street to a space protected by two security checkpoints. I

was greeted, if that is the word, by a woman who coldly asked me what I wanted. The two exhibition rooms were slightly larger than closets. Now, walking into this third incarnation made me feel so light and carefree that I had to be reminded to buy a ticket.

The Alexander Archipenko exhibition was the largest I had ever seen of his work, and as I moved from sculpture to sculpture I felt grateful just to be there. But I wasn’t really “there,” I was in a whole- sale meat market. The smell of raw flesh and gore oozes out the ramshackle front doors where trucks have backed up to disgorge sides of beef and pork. Just inside are butchers in threadbare aprons streaked with blood. One of them waddles his mammoth girth toward me, a cigarette dangling from his pudgy lips, a strange leer on his face. He is the one who lewdly propositioned a friend of mine who lives a few doors away. Nineteen sixty-one.

Now, in 2005, I am walking through this museum on the very spot where those butchers slashed and chopped up carcasses. The fat one is no doubt dead, like my friend and Archipenko. The exhibition is fine, but I can’t focus on it, so I simply pause before each piece.

Finally I can’t restrain myself from approaching someone, who happened to be a guard, an Indian or Pakistani woman, to whom I say, “Many years ago, when I first came to New York, I had a friend who lived a few doors down the street. Do you know what this place was then? It was a wholesale meat business.” She looks at me and says, “Yes, it’s amazing the way they change things so fast,” and looks away.

 

Übersetzung aus dem Englischen
Jan Volkert Röhnert

Das ukrainische Museum

Bloß einzutreten ins neu und herrlich eingerichtete ukrainische Museum war ein Vergnügen: lackierte Hartholzdielen, weiße Wände, klare Linien, zurückgenommenes Licht und der Luxus der Neuheit. Ein älteres ukrainisches Museum hatte sich auf dem zweiten Stock eines Mietshauses an der Second Avenue befunden, ohne dass draußen auch nur ein Schild stand, ein paar Räume mit öden Gemälden in trübem Licht; das einzige Mal, dass ich mich dorthin verlor, war kein Mensch vor Ort, nicht mal ein Wärter. Zwanzig Jahre später war das Museum ein paar Straßenzüge aufwärts gezogen und mit zwei Sicherheitschecks abgeriegelt. Mich begrüßte, falls dies das rechte Wort ist, eine Frau, die mich kalt fragte, was ich wolle. Die beiden Ausstellungsräume waren kaum größer als ein Klo. Da ich nun die dritte Inkarnation betrat, fühlte ich mich so leicht und sorglos, dass man mich erinnern musste, ein Ticket zu erwerben.

Die Alexander Archipenko Ausstellung war die größte, die ich je von seinem Werk gesehen hatte und während ich zwischen den Skulpturen ging, war ich dankbar, einfach da zu sein. Doch ich war nicht wirklich „da“, ich war auf einer Fleischmarkthalle. Der Geruch von rohem Fleisch und Blut dringt aus den schiefen Eingangstoren, wo Lastwagen stehen, um Rinder- und Schweineteile abzuwerfen. Drinnen sind Fleischer mit zerschlissenen blutbeschmierten Schürzen. Einer von ihnen schiebt seinen Mammutwanst gegen mich, eine Kippe aus seinen fetten Lippen baumelnd, irres Schielen in seinem Blick. Eben der, welcher sich an einen Freund von mir heranmachte, der ein paar Straßen weiter wohnt. Neunzehn einundsechzig.

Jetzt, 2005, gehe ich durch das Museum an genau der Stelle, wo jene Fleischer Kadaver aufschlitzten und zerteilten. Der Fette ist zweifellos gestorben, wie mein Freund und Archipenko. Die Ausstellung ist klasse, doch ich kann mich nicht darauf konzentrieren, daher bleib ich einfach stehen vor jedem Stück.

Schließlich kann ich nicht anders als auf jemand zuzugehen, die sich als Wärterin entpuppte, eine Frau aus Indien oder Pakistan, der ich sagte: „Vor vielen Jahren, als ich das erste Mal in New York war, hatt‘ ich einen Freund, der ein paar Häuser abwärts wohnte. Wissen Sie, was hier damals war? Es war ein Fleischgroßmarkt.“ Sie sieht mich an und sagt: „Ja, es ist erstaunlich, wie schnell sie Dinge verändern“, und schaut weg.

            (aus Alone)

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