Film „20 Days in Mariupol“ mit Podiumsdiskussion (Bericht)

Im Rahmen einer dreitägigen Tagung „Stadt und Krieg – Schutzräume, Infrastrukturen, Energien“ an der Technischen Universität Braunschweig wurde am 26.6.2025 abends im Senatssaal der Film „20 days in Mariupol“ gezeigt mit anschließender Podiumsdiskussion.

Anwesend waren neben Teilnehmern der Tagung und anderen interessierten Gästen auch eine gute Handvoll Vertreter unseres Vereins Freie Ukraine Braunschweig.

Moderiert wurde die Veranstaltung von Daria Jablonowska aus Düsseldorf. seit 2018 Referentin für Kommunikation, Planung und Konzeption an der Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen. Die gebürtige Ukrainerin führte routiniert durch den Abend und fand stets die richtigen Worte, trotz des schwierigen und bedrückenden Themas.

Teilnehmer auf dem Podium waren Prof. Dr. Gelinada Grinchenko, wissenschaftliche Mitarbeiterin am der Universität München und Professorin am Lehrstuhl für Weltgeschichte an der Universität Dnipro. Sie ist unter anderem Vorsitzende der Deutsch-Ukrainischen Historischen Kommission und hat als Forschungsschwerpunkt „Geschichte und Erinnerung des zweiten Weltkrieges, Memory Studies, Holocaust und Genozidforschung“. Weitere Teilnehmer waren Vlad Ivahninko und Lilia Vasylenko, zwei Überlebende der Belagerung und Bombardierung von Mariupol, beide heute in Deutschland wohnend.

20 Days in Mariupol
Film „20 Tage in Mariupol“ – Szenenfoto Schutzraum

Film „20 days in Mariupol“

Der Film von Mstyslav Chernov wurde von einem Team der Presseagentur Associated Press (AP) gedreht. Sie hielten sich in der Stadt Mariupol auf, als am 24.2.2022 Soldaten Putins die Ukraine überfielen und sofort die nahe der Grenze liegende Stadt abriegelten. Die Reporter dokumentierten 20 Tage lang die Situation in Mariupol, während die Stadt durch die Truppen der russischen Föderation belagert und bombardiert wurde. Sie zeigen alte Leute, die weinend umherirrten, sterbende Kinder, verzweifelt um Patienten kämpfende Ärzte und Leichen im Krankenhauskeller. Sie saßen gemeinsam mit Bewohner in Schutzkellern, flüchteten mit anderen Personen vor Schüssen russischer Scharfschützen und schauten zu, wie Leichensäcke in Massengräber bestattet wurden. Sie filmten, wie russische mit „Z“ markierte Panzer Wohnblöcke und Einkaufszentren beschießen, wie verwundete Schwangere nach der Bombardierung einer Geburtsklinik evakuiert wurden, und viele weitere Gräueltaten.

Nach 20 Tagen konnten sie in einem Konvoi des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes mitsamt geschmuggeltem Filmmaterial fliehen. Der Film endet mit zwei Szenen des russischen Außenministers und des russischen UN-Botschafters, die beide gegenüber Reportern die Echtheit der Filmaufnahmen leugnen.

Das oben gezeigte Foto ist diesem Film entnommen, etwa in der 45 Minute, als das Team von AP im Schutzraum mit einer Bewohnerin spricht und diese weinend sagt: „I don’t want to live in Russia. I don’t want us to be Russians. Absolutely not.“, möglicherweise eine Schlüsselszene, die die Kraft des ukrainischen Widerstands dokumentiert.

Podiumsdiskussion

In der Podiumsdiskussion bat die Moderatorin Daria Jablonowska zunächst Prof. Dr. Gelinada Grinchenko, diesen Film einzuordnen.

Prof. Dr. Gelinada Grinchenko und Moderatorin Daria Jablonowska
Prof. Dr. Gelinada Grinchenko und Moderatorin Daria Jablonowska

Diese betrachtet ihn als ein sehr wichtiges Dokument für ihr Arbeitsgebiet. Sie hat sich bislang schwerpunktmäßig mit den Verbrechen des zweiten Weltkrieges beschäftigt, mit Holocaust und Genozid und der Erinnerungskultur dazu. Jetzt hat es sich erweitert um die aktuellen Geschehnisse in der Ukraine. Sie erinnert an zwei Einzelschicksale, die mit beiden Ereignissen verknüpft sind: eine 91-jährige Holocaust-Überlebende (Wanda Semeniwna Objedkowa ), die im April 2022 in Mariupol ums Leben gekommen ist, als sie im Keller Schutz gesucht hatte; und ein 96-jähriger KZ-Überlebender (Borys Romantschenko), der bei einem Luftangriff in Charkiv getötet wurde.

In Russland unter Putin wird das Narrativ des „großen Vaterländischen Krieges“ betont mit dem Sieg gegen die Nazis. Als Rechtfertigung für den Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 wurde von Putin eine Befreiung vom Regime der „Faschisten“ in Kiew und „Entnazifizierung“ behauptet und er sprach vom „Genozid“ an Russen in den Gebieten der Separatisten, alles Begriffe, die mit dem zweiten Weltkrieg assoziiert sind. Der 9. Mai als „Tag des Sieges“ hat in Russland einen erheblichen Symbolwert für Putin.

In der Ukraine hat der 9. Mai nicht diese Bedeutung, sondern ist der „Europatag“. Die Ukraine war 35 Jahre unabhängig von Russland. Dann kam der Überfall und viele fragten sich: „Warum? Wir sprechen doch die gleiche Sprache?“. Diese Enttäuschung bewirkte den Widerstand. In dem Film wurden nur die ersten 20 Tage der Belagerung von Mariupol gezeigt. Der Widerstand dauerte jedoch insgesamt 86 Tage, bei dem mindestens 25 000 Menschen getötet wurden und 90% der Gebäude zerstört wurden.

Zeitzeugen aus Mariupol - Vlad Ivahninko und Lilia Vasylenko
Zeitzeugen aus Mariupol – Vlad Ivahninko und Lilia Vasylenko

Als ehemalige Bewohner Mariupols erzählten Vlad Ivahninko und Lilia Vasylenko als Zeitzeugen, wie es ihnen erging, auch über der Zeitraum dieser 20 Tage hinaus. Sie berichteten, dass sie vor dem Überfall Putins beide im Hafen von Mariupol angestellt waren (port authority). Gegenüber den im Film gezeigten 20 Tagen verschlimmerte sich die Situation für die Zivilbevölkerung erheblich. Sie waren 150 Tage dort und lebten nahezu die gesamte Zeit (vom 2. März bis zum 7. August) in einem Keller. Ab Anfang März gab es keinen Strom, kein fließendes Wasser und keine Kommunikation mehr. Sie lebten von Vorräten aus den gemeinsamen Wohnungen, die sie sehr sparsam einteilen mussten. Gekocht haben sie draußen auf einem Holzfeuer, indem ein Topf auf ein altes Gitter eines Kühlschranks gestellt wurde. Trinkwasser wurde aus Schnee gewonnen oder aus einer alten Quelle im Ort, bei der das Wasser wegen des hohen Salzgehaltes abgekocht werden musste. Zu Waschen und Spülen der Toilette wurde altes Wasser aus den Heizungen verwendet. Irgendwann gab es etwas Wasser und Lebensmittel als „humanitäre Hilfe“ der russischen Besatzer. Die Lebensmittel hatten ukrainische Beschriftung. Während der Zuteilung wurde Propaganda gespielt oder die Bittenden gedemütigt.

Eine Flucht aus der Stadt war ihnen erst im August möglich, nachdem es wieder ein funktionsfähiges Mobilfunknetz gab (nur russische Anbieter). Sie konnten Kontakt zu Verwandten aufnehmen, die über eine in Belarus sitzende Organisation die Ausreise organisierten. Allerdings führte der Fluchtkorridor über Russland, wo über eine Weiterreise entschieden wurde.

Um kurz nach 22 Uhr beendete Daria Jablonowska die Diskussion.

Es war ein sehr interessanter und informativer Abend, der auf zweierlei Art beeindruckte:

Zum einen hinterließ er im Kopf die Bilder des Filmes und die Eindrücke der Erzählungen der Zeitzeugen, die noch lange nachwirken.

Zum anderen zeigte der Abend auch, wie wichtig es ist, solche Bilder und Erzählungen zu verbreiten und den leidenden Menschen dort zu helfen.

 

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