40. Jahrestag der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl

Am 26. April 2026 spätnachmittags um 17 Uhr fand in der Kirche St. Michaelis in Braunschweig ein Mahn- und Gedenkgottesdienst unter dem Motto „40 Jahre Tschernobyl – 15 Jahre Fukushima“ statt. Beide Ereignisse gehören zusammen als Mahnung, dass die Atomkraft für den Menschen – trotz all seiner Fertigkeiten – ein unkalkulierbar großes Risiko darstellt.

Tschernobyl 1986

Am 26. April 1986 ereignete sich im Kernkraftwerk Tschernobyl eine Reaktorkatastrophe. Bei einem fehlgeschlagenen Sicherheitstest kam es zu einer Explosion im Reaktor 4, die große Mengen radioaktiver Stoffe freisetzte und weite Teile Europas kontaminierte. Nach Schätzungen starben etwa 500 000 Menschen an den Folgen der Strahlung, tausende Einwohner mussten umgesiedelt werden, 81 Siedlungen wurden unbewohnbar und die Region um Tschernobyl ist Sperrgebiet und wird es noch mindestens 400 Jahre sein müssen. Die Karte zeigt die Belastung in der Region 10 Jahre nach der Katastrophe. Weitere Informationen gibt es unten im Link zur Zeitzeugin Liudmyla Kosnikova.

Strahlenbelastung in der Region Tschernobyl 1996

Fukushima 2011

15 Jahre später, am 11. März 2011 fand im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi eine weitere Katastrophe statt. Ein starkes Erdbeben und ein Tsunami führten zum Ausfall der Kühlsysteme, wodurch es zu Kernschmelzen und Explosionen kam. Auch hier wurden große Gebiete evakuiert, allerdings war die Freisetzung radioaktiver Stoffe insgesamt geringer als in Tschernobyl.

Diese Katastrophe in Japan war für die damalige Bundesregierung (CDU/CSU und FDP) unter Bundeskanzlerin Angela Merkel der Anlass, den im Jahr 2000 durch Bundeskanzler Gerhard Schröder initiierten langfristigen Atomausstieg („Atomkonsens“) ab 2011 beschleunigt durchzuführen.

Dokumentation

Dokumentiert wurde die Katastrophe von Tschernobyl bereits vor 10 Jahren von Paul Koch, einem Sozialdiakon i.R. aus Watzum, der in seinen „Tschernobyl-Erinnerungen“ festgehalten hat, was Menschen in Deutschland vor 30 Jahren durch Tschernobyl erlebt hatten. Jetzt hat er eine aktualisierte und stark erweiterte Neufassung als „Tschernobyl-Erinnerungen 2.0“ herausgebracht, beide erschienen im Fromm-Verlag. Auszüge aus dem umfangreichen Buch (308 Seiten) waren vom 26. Februar bis zum 4. Mai 2026 zeitgleich in Ausstellungen an verschiedenen Orten zu sehen, u.a. im Rathaus Schöppenstedt und in der St. Michaeliskirche Braunschweig.

Ausstellungsplakat

Gedenkgottesdienst 26.4.2026

Dort in der St. Michaeliskirche wurde auch der Jahrestag begangen. Er fand mit einem Gedenkgottesdienst einen würdigen und angemessenen Rahmen, begleitet mit beeindruckenden sakralen Liedern aus der ukrainischen Heimat durch den Chor Ukrainska Duscha („Ukrainische Seele“) unter Leitung von Maryna Lizhdvoi. Nach der Begrüßung durch Pastor Jakob Timmermann hielt Propst Lars Dedekind eine kurze Ansprache.

Chor Ukrainska Duscha

Dann stellte Sozialdiakon i.R. Paul Koch in einer thematischen Einleitung die beiden Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima, aber auch die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki in Zusammenhang und verwies auf die Verantwortung des Menschen vor der Schöpfung. Paul Koch 1986 Propsteijugendwart der Propstei Schöppenstedt, als mitten in die Vorbereitungen des jährlich stattfindenden Pfingstzeltlagers für Kinder die Nachricht von der Tschernobyl-Katastrophe platzte. Für ihn war es eine Zäsur. Mit einer dreijährigen Verzögerung bildete sich eine internationale Solidaritätsbewegung für die Kinder von Tschernobyl und die „Tschernobyl-Initiative in der Propstei Schöppenstedt e. V.“ mit über 200 Mitgliedern gehörte zu den größeren Hilfsaktionen in Niedersachsen. Sie organisierten eine jährlich stattfindende mehrwöchige Kindererholung, umfassende humanitäre Hilfe (mehrere LKWs pro Jahr mit Hilfsgütern nach Belarus), Schüler- und Lehreraustausch sowie Dokumentationen zum Thema.

Bodo Walther vom Arbeitskreis Japan in der Evangelischen Landeskirche Braunschweig beschäftigte sich mit der Situation um Fukushima nach dem Reaktorunglück dort.

In der St. Michaeliskirche kamen auch Zeitzeug*innen aus Tschernobyl und Fukushima zu Wort.

Zeitzeugin Liudmyla Kosnokova

Aus Tschernobyl berichtete die Ukrainerin Liudmyla Kosnovika. Sie wurde in der Region Prypjat (Tschernobyl) geboren und verlebte dort eine glückliche Kindheit. Nach dem Reaktorunglück im April 1986 musste ihre Familie mit ihr das Zuhause verlassen und nur die Eltern wussten, dass es für immer war. Sie wurden nach der Evakuierung in die Region Donezk umgesiedelt. Später zog sie mit ihrer Familie nach Dnipro, wo sie mit der lokalen Vetretung des Tschernobyl-Verbands zusammenarbeitete. Aber auch von dort musste sie fliehen, diesmal vor dem Angriffskrieg Russlands im Jahr 2022. Liudmyla Kosnikova brachte eindrücklich die Gefahren von damals in Erinnerung, äußerte ihre Sorgen für die Zukunft auch ihrer Kinder und mahnte eindringlich vor den Gefahren. Sie sprach auf ukrainisch, ihr Sohn Wladyslaw Kosnikova übersetzte auf deutsch. Einen Text von ihr als Zeitzeugin dieses Unglücks gibt es aufrufbar über einen Link zu den Tschernobyl-Erinnerungen (https://tschernobylerinnerungen.wordpress.com/).

Liudmyla und Wladyslaw Kosnikova

Ehrung für Paul Koch

Die Veranstaltung in St. Michaelis wurde abgerundet mit einem Empfang für Sozialdiakon i.R. Paul Koch, der aus Altersgründen die vorderster Front der wichtigen Organisation der „Europäischen Aktionswochen“ verlässt. Hier wurde in Dankbarkeit Kochs jahrelanges, unermüdliches und verantwortlich organisierendes Engagement für das Tschernobyl- und Fukushima-Gedenken im Zusammenwirken mit dem Ökumenischen Trägerkreis der „Europäischen Aktionswochen für eine Zukunft für Tschernobyl und Fukushima“ in der Region Braunschweig lobend gewürdigt.

Sozialdiakon i.R. Paul Koch

Verschiedene ökumenische Vertreter brachten ihre Bewunderung für Paul Kochs unermüdliches Engagement zum Ausdruck. Lars Dedekind überreichte eine Urkunde und einen Propstei-Pin.
Abschließend stimmte der Chor Ukrainska Duscha das Lied „Mnohaya lita“ (Многая літа) an, ein sehr traditionelles ukrainisches Festlied, das oft zu Ehren von Personen gesungen wird und „Viele Lebensjahre“ bedeutet.

Paul Koch will nun mit seinen 78 Jahren „nur noch“ für den Strahlenschutz-Stammtisch Braunschweiger Land, den Andachten am Asse-Schacht und bei kleineren Projekten, planerisch und organisatorisch tätig sein

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